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Christiane Kutik
Naturheilkundlich zu behandeln bedeutet nicht, lediglich Naturheilmittel zu verordnen: Naturheilkunde heißt vielmehr, den erkrankten Menschen wieder in Einklang mit den Rhythmen der Natur, ihren ewigen Gesetzmäßigkeiten zu bringen, heißt ganz besonders, ihn zu seiner ureigensten inneren Natur zu führen - religio, Rückbesinnung. An diesem Punkt wird sich ein Behandler mit dem naturheilkundlichen Anspruch messen lassen müssen. Naturgemäße Therapie sollte, wenn sie ehrlich gemeint ist, also viel weiter greifen als die schlichte und bequeme Gleichung Krankheit - Mittel - Krankheit weg. Für die Kinderheilkunde, diesen äußerst sensiblen Bereich therapeutischen Handelns, gilt dies ganz besonders. Die ersten Jahre der Kindheit prägen wie kein anderer Lebensabschnitt die Konstitution, legen die Grundlagen für Krankheitsdispositionen und vielfältige Erkrankungen. Der Mediziner wird hier auch zum Pädagogen, muß den Horizont immanenter Pathogenesemodelle erweitern hin zu einer echten ganzheitlichen Schau in die kindlichen Welt. Fernab medizinischer Fachliteratur hat Christiane Kutik mit ihrem neuen Buch Entscheidende Kinderjahre bereits einen Klassiker geschaffen, ein immens wichtiges Buch für Therapeuten, Erzieher und Eltern. Der Bogen der Themen ist weit gespannt und doch konzentriert beschränkt auf das erste Lebensjahrsiebt. Zart mitfühlend erleben wir als Leser noch einmal die frühe Kindheit, erfahren durch klare, aber niemals besserwisserische Worte die eigenen Versäumnisse und Achtlosigkeiten, mit denen unsere Ent-Wachsenen-Welt eine breite Spur von kleinen und großen Sünden in der kindlichen körperlich-seelisch-geistigen Werdewelt hinterlässt. Zum Beispiel die elementare Bedeutung der Geborgenheit, der Hüllenbildung, der frühen Kommunikation wird durch ganz praktische Beispiele und wunderbare Bilder demonstriert. Dieses Konzept durchzieht dann das ganze Buch - die anthroposophisch orientierte Theorie ist kongenial eingewoben in ein Geflecht von empathischer Hinwendung zum Thema und praktischer Umsetzung mit herrlich-einfachen Spielen, kindergerechten Reimen und leicht umzusetzenden Alltags"tipps". Kein Thema der Kinderwelt bleibt unerwähnt: die wichtige Bedeutung der Puppe als Bild für den Menschen, die gestaltende Kraft der Märchen, das künstlerische Schaffen, die Bedeutung des Singens, das Problem moderne Medien und so fort. Jeder, der dieses Buch vorurteilsfrei gelesen hat (wie schnell werden doch die eigenen Abwehrmechanismen bei dieser Thematik munter!) geht zukünftig in seinem praktischen therapeutischen Handeln auf die echten kindlichen besser Bedürfnisse ein, erkennt, daß seelenverlassenes, unachtsames Handeln der Erzieher viel mehr Krankheitsursache ist als das beliebte mechanistische Erregermodell. So mag dieses leise Buch ein lautes Echo finden.
Christian Reichard |